Die Anlagestrategie ist entscheidend für das Ergebnis

Wohin mit dem Geld?

In der Schweiz gibt es einige hunderttausend Haushalte, welche so gut aufgestellt sind, dass sie am Ende des Jahres etwas mehr Geld auf der hohen Kante haben als am Anfang. Das heisst nicht, dass dies reiche Haushalte sind: Aber wenn zwei Erwachsene einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, wird am Ende des Jahres, wenn alle Steuern, Versicherungen, Hypotheken, usw. beglichen sind, alle Kredite bedient, alles Essen gegessen, doch hoffentlich etwas übrigbleiben. Nicht viel: 500 Franken vielleicht, oder 1000, oder 5000? Oder mehr? Sonst hätte sich die Plackerei ja nicht gelohnt… 

Wohin geht nun das Geld, das frei zur Verfügung steht? Es gibt verschiedene Varianten:

  • Sie verstecken das Geld unter der Matratze. Das ist die schlechteste Variante, denn das Geld ist unsicher versorgt, trägt keine Zinsen und verliert, dank steter Inflation, allmählich seinen Wert. (Keine Inflation bei uns, sagen Sie? Wie viel kostete im Restaurant eine Tasse Kaffee vor 20 Jahren? Ein Liter Benzin?)
  • Sie zahlen das Geld auf ein Sparkonto ein. Grauenhaft! Mit den heutigen Zinsen aufs Sparbüchlein machen Sie nicht einmal die Inflation wieder gut. OK, das Geld kann nicht so einfach gestohlen werden wie bei der Matratzen-Variante, und es verbrennt nicht, wenn es mal ganz dick kommt. Bis zu einem Betrag von 100‘000 Franken springt sogar der Staat ein, sollte die Bank pleite gehen. Aber auch bei dieser Variante können Sie zuschauen, wie der Wert der Anlage allmählich abnimmt. Besonders unangenehm an dieser Variante: Sie müssen annehmen, dass jetzt die Bank an Ihnen verdient, während Sie selbst draufzahlen. Weshalb sonst würde sich die Bank auf dieses Geschäft einlassen, wenn sie nicht daran verdienen würde? Nett von Ihnen: Sie bringen Ihr Geld zur Bank und unterstützen damit notleidende Banker. Die müssen ja auch wieder mal einen neuen Porsche haben, da gebe ich Ihnen vollkommen recht…
  • Sie investieren in Obligationen, Festgeld, usw. Die gleiche Misere. Überall, wo ein Zinssatz garantiert wird, ist der zurzeit niedriger als die Inflation. Die Akrobaten der Notenbanken sorgen seit Jahren dafür, dass die Renditen für Obligationen und ähnliche Wertschriften immer geringer werden, und noch ist bei diesem Trend kein Ende abzusehen. 
  • Sie kaufen Gold. Damit ist man scheinbar recht gut gefahren in den letzten Jahren. Nur, Gold hat den Nachteil, dass es wie Bargeld sicher aufbewahrt werden muss. Und es wirft noch weniger Zinsen ab als ein Sparkonto, denn es liegt einfach nur im Tresor. Und, nebenbei, der Preis des Goldes macht grosse Schwankungen rauf und runter durch, und niemand garantiert Ihnen einen guten Preis, wenn Sie das Gold verkaufen wollen oder müssen. Nach der Euphorie am Goldmarkt von etwa 2000 bis 2012 ist allen Goldliebhabern spätestens 2013 klar gemacht worden, dass auch der Goldpreis nicht nur die eine Richtung nach oben kennt, sondern auch gewaltig fallen kann. Zudem: die Produktion von Gold ist zu oft ein recht dreckiges Geschäft, menschlich, politisch und ökologisch. Dass es durchaus Sinn machen kann, einen bestimmten Anteil seines Vermögens in Gold anzulegen, will ich nicht leugnen. Aber dann ist Gold eine Absicherung gegen katastrophale Crashs an den Finanzmärkten, und keine Investition.  
  • Sie setzen voll auf Bitcoin. Digitales Gold ist eine tolle Sache. Ich habe von einer Frau gehört, welche vor einigen Jahren für 1000 Franken Bitcoins kaufte, diese dann vergass und plötzlich feststellte, dass sie zwanzigfache Millionärin war. Von so etwas träumen wir natürlich alle - aber ihr Erfolg ist leider kaum wiederholbar. Jetzt, im Mai 2017 bewegt sich Bitcoin auf einem Preisniveau, welches nur noch als Spekulationsblase zu bezeichnen ist - keine gute Idee, jetzt hier einzusteigen. Dabei bietet Bitcoin bestimmt interessante Perspektiven. Aber zurzeit nur zum Spekulieren - nicht zum Investieren.
  • Sie spekulieren an der Börse. Immer wieder lesen Sie von traumhaften Gewinnen, welche mit Aktienspekulationen erzielt werden können. Heute gekauft, in drei Wochen schon 10 mal mehr Wert – das wollen uns jedenfalls bestimmte „Börsenprofis“ glaubhaft machen. Wenn’s so einfach wäre, weshalb machen das diese Profis nicht gleich selbst, und amüsieren sich den Rest ihres Lebens auf den Bahamas? Ganz bestimmt, an der Börse können geschickte Trader eine Unmenge Kohle machen - aber das ist kein einfaches Spiel, und hochriskant. Zu riskant für unser selbst verdientes Geld. 
  • Sie geben das Geld einfach aus, gehen in die Ferien, kaufen sich ein neues Auto, oder ein neues iPhone, denn, wie wir gesehen haben, Sparen lohnt sich nun mal wirklich nicht. Sie konsumieren lieber und verpulvern das zur Verfügung stehende Geld. Vielleicht ist das nicht mal die dümmste Variante? Es ist bestimmt nicht die Beste! Immerhin treiben Sie damit, positiv ausgedrückt, die Wirtschaft an. Negativ ausgedrückt: Sie lassen mehr Abfall produzieren.

Am Ende des nächsten Jahres sieht es wieder gleich aus: Sparen lohnt sich immer noch nicht, und so bleiben Sie auf dem gleichen finanziellen Niveau wie immer. Und weil das ohne Änderung so weitergeht, haben Sie nach zehn, zwanzig, dreissig Jahren das Gefühl, immer grad so viel zu verdienen, dass es mehr oder weniger gut zum Leben reicht, aber nicht mehr.

Der Schlüssel zur finanziellen Unabhängigkeit für jeden heisst Zinseszins.

Wie soll das gehen?

Um finanziell unabhängig zu werden, müssen Sie vier Dinge tun:

  • Sie müssen verstehen, dass es wichtig ist, nicht alles Geld, welches Sie verdienen, für Dinge des täglichen Bedarfs auszugeben. Egal, wie viel, oder wie wenig Sie verdienen, bezahlen Sie sich selbst zuerst einen kleinen Lohn, indem Sie von jedem Zahltag etwas abzweigen und nicht ausgeben. Dieses Kapital geben Sie niemals aus!
  • Kaufen Sie sich von diesem Kapital Dinge, die Geld einbringen statt Geld zu kosten. Gibt es das? Dinge, die Sie reicher machen, wenn Sie sie kaufen? Tönt zu gut, um wahr zu sein. Aber natürlich gibt es das: Kaufen Sie mit Ihrem Kapital Aktien grosser, solider, seriöser Firmen, welche seit Jahren steigende Gewinne schreiben, und freuen Sie sich auf die Dividenden, die Sie jährlich oder auch häufiger erhalten werden. Achten Sie nach dem Kauf nicht gross auf den Kurs der Aktie, sondern darauf, ob Sie regelmässig Dividenden erhalten. Und achten Sie darauf, dass die Dividenden gelegentlich erhöht werden, im Idealfall jährlich. Das ist auf die lange Sicht unendlich viel wichtiger als ein grosser Anstieg des Aktienkurses. Mit der Auswahl der Aktien, die für diese Art des Investierens in Frage kommen, werden wir uns im Blog genauer befassen. 
  • Kaufen Sie sich mit dem Geld aus den Dividenden weitere Aktien, solange Sie noch ein anderes Einkommen haben, zum Beispiel durch Arbeit. So erleben Sie, wie Geld für Sie arbeitet. Mit den Dividenden, also dem Gewinn aus den Aktien, erwerben Sie weitere Aktien, und damit ein wiederum steigendes Einkommen aus Dividenden. In den ersten Jahren geht das langsam aufwärts, aber plötzlich gibt es einen Aufwärtsknick, und Sie erleben selbst, wie der Zinseszinseffekt immer stärker wird. 
  • Wiederholen Sie die Schritte 1 bis 3, solange Sie aktiv im Berufsleben stehen und Geld verdienen. Je mehr Geld Sie investieren können, umso eher werden Sie das Ziel einer gewissen finanziellen Unabhängigkeit erreichen. 
Wenn Sie diese vier Punkte praktisch umsetzen, sind Sie KapitalistIn geworden. Sie haben kapiert, dass man Geld für sich arbeiten lassen kann, und Sie haben gesehen, dass das gar nicht so schwierig ist, oder moralisch bedenklich. 

Und wie kommt nun der Zinseszins ins Spiel?

Das achte Weltwunder

"Compound interest is the eighth wonder of the world. He who understands it, earns it … he who doesn't … pays it.” Etwas frei übersetzt lautet dieses Einstein-Zitat auf Deutsch so: „Die größte Erfindung des menschlichen Geistes? - Die Zinseszinsen!“ Nicht so frei: „Zinseszins ist das achte Weltwunder. Wer den Zinseszins versteht, verdient damit. Wer nicht, zahlt drauf.“ 

Zinseszins als achtes Weltwunder? Das müsste man vielleicht etwas näher erklären. 

Fast alle haben in der Schule mal davon gehört und schnell kapiert, dass das eine tolle Sache ist. 100 Franken geben im ersten 5 Franken Zins, falls ich mein Geld mit 5 Prozent Rendite anlegen kann. Im zweiten Jahre gibt es 5.25 Franken, im dritten, ups, warte mal, 5.76 Franken, und nach ein paar weiteren Jahren hat sich mein Geld verdoppelt. 

Das Beispiel ist nicht packend. Wenn ich als 14 Jähriger erfahre, dass sich mein Geld in etwa 14 Jahren verdoppelt, wenn ich es mit 5 Prozent Zins anlege, dann ist das völlig uninteressant. Erstens habe ich kein Geld, weder 10 noch 100 noch 1000 Franken, weil ich mein Sackgeld bereits anders „investiert“ habe, und zweitens sind 14 Jahre WARTEN eine Ewigkeit, und dann hat es sich nur verdoppelt in dieser Zeit. Und vierzehn Jahre nichts tun und zuschauen, bis sich das Geld verdoppelt hat? So bekloppt! Völliger Quatsch. Hübsche Theorie, unbrauchbare Praxis. Und sowieso, mich interessieren in diesem Alter Mädchen mehr als Geld, und ich will ACTION! Zinseszins ist doch völlig langweilig!

Mit dem Tempo einer Schnecke

Die Wirkung des Zinseszinses ist erst nach einigen Jahren sichtbar, so wie schleichende Inflation erst nach Jahren festgestellt wird. Sie wissen nicht genau, wie das Benzin immer teurer wurde, oder wann Sie zum letzten Mal weniger als vier Franken pro Tasse Kaffee bezahlt haben, oder weshalb die Wohnungsmieten ständig steigen. Aber früher war alles nicht so teuer, das wissen Sie. Auch die Löhne sind generell in den letzten zwanzig Jahren gestiegen, weniger als erhofft zwar, aber doch spürbar. Das ist der Zinseszinseffekt: langsam, stetig, unaufhaltsam, unerbittlich. Keine Kraft im Universum stemmt sich dem entgegen. 

Und, wie Einstein gesagt hat: Wenn Sie diese Kraft verstehen und für sich wirken lassen, kassieren Sie. Wenn nicht, bezahlen Sie drauf. Es liegt an Ihnen, auf welcher Seite der Gleichung Sie stehen. 

Diese Art mit Geld umzugehen basiert auf der Erkenntnis, dass Zinseszins funktioniert, wenn man der Sache Zeit lässt. Je mehr Zeit, desto besser. Und dass es sich lohnt, beharrlich über einen langen Zeitraum eine einfache Strategie zu verfolgen, selbst wenn wenig Kapital eingesetzt werden kann. Auch ein Genie wie Einstein hat keine Möglichkeit gefunden, die Sache mit dem Zinseszins zu beschleunigen. Dafür arbeitet die Zeit unerbittlich für Sie, nicht gegen Sie. Naturgesetze lassen sich nun mal schwer aushebeln. 

Je früher Sie anfangen, Geld auf diese Art zu investieren, desto länger kann diese starke Kraft auf Ihr Geld einwirken. Ein Rechenbeispiel kann dies verdeutlichen. 

Wir nehmen an, dass Sie über 20 Jahre pro Jahr 1000 Franken investieren und bei einem Zins von 3% anlegen können. Damit kann das investierte Geld über einen langen Zeitraum arbeiten. Sie erhalten schliesslich nach 20 Jahren, wenn Sie Ihre Einzahlungen stoppen und anfangen, den ausbezahlten Zins zu verbrauchen, in jedem weiteren Jahr 807 Franken an Zinsen, ohne dass Sie einen Finger rühren müssen. Und wenn Sie das Kapital nicht anrühren, geht das endlos weiter, jedes Jahr erhalten Sie gut 4% des einbezahlten Kapitals zurück. Das ist der Effekt des Zinseszinses: Sie erhalten nach 20 Jahren jährlich nicht 3%, sondern 4% des einbezahlten Kapitals als Zins zurück. Tolle Sache! Aber reich macht Sie das auch nicht, das haben Sie bereits verstanden. 

Das Vermögen langsam aufbauen!

Es kann einen gewichtigen Unterschied machen, ob Sie die Aktien einer bestimmten Firma alle auf einmal kaufen, oder gestaffelt über einen langen Zeitraum. Weshalb? 

Sie sind sich am Tag X nie sicher, ob die Aktien der Firma, welche Sie kaufen wollen, einigermassen fair bewertet sind. Die Börse neigt zu massiven Übertreibungen gegen unten und oben, so dass es gut sein kann, dass Sie eine überbewertete Aktie kaufen. Auch das Gegenteil kann der Fall sein: Wenn Sie im Sommer 2011 Aktien kauften, konnten Sie mit gutem Grund annehmen, dass die Aktien solider Firmen weit mehr Wert waren als das, was Sie bezahlt haben – die Stimmung rund um den Zerfall von Dollar und Euro war derart mies. Aber es hätte auch noch schlimmer kommen können. Sie wissen wenig über die Zukunft, wenn Sie einen Anlageentscheid treffen. Und niemand weiss verlässliches über die Zukunft der Firma, der Börse, der Weltlage, usw. Das ist das Risiko, das Sie zu tragen haben. 

Aber Sie können das Risiko eines Fehlentscheides massiv verkleinern und eventuell ganz eliminieren, wenn Sie Ihre Investitionen über einen längeren Zeitraum ausdehnen und in fixen Raten zukaufen. Eben z.B. jedes Jahr für 3000 Franken weitere Aktien dazukaufen, egal, wie hoch der Kurs der Aktie gerade ist. Ist Ihre Aktie gestiegen, kaufen Sie weniger Stück nach; ist der Aktienkurs gefallen, kaufen Sie mehr Aktien nach. Aber Sie kaufen immer für denselben Betrag, und reinvestieren zudem die Erträge aus den Dividenden. Gibt es höhere Dividenden, können Sie auch mehr Aktien nachkaufen. 

Diese Strategie macht es auch leichter, nicht Opfer der eigenen Emotionen zu werden. Wenn Ihre Kauf- und Verkaufentscheide von Emotionen wie Euphorie und Frustration abhängen, haben Sie an der Börse schlechte Karten. Wenn Sie nur kaufen, weil die Stimmung an der Börse gut ist und alle anderen auch kaufen, zahlen Sie in der Regel zu viel für Ihre Aktien, und umgekehrt, wenn Sie verkaufen, weil alle anderen in Panik auch verkaufen, verlieren Sie. Sie müssen trainieren, auch in sogenannt schlechten Zeiten Aktien zu kaufen, dann zu kaufen, wenn alle verkaufen. Dann sind die Aktien am billigsten, und Ihre Chance auf eine gute Rendite am Grössten. Dieses Training bedeutet, dass Sie an dem Tag Aktien dazukaufen, an dem die Dividende Ihrem Konto gutgeschrieben wird. Egal, ob der Aktienkurs gerade steigt oder fällt. 

Auf Englisch heisst diese Strategie Dollar Cost Averaging (DCA), in Kombination mit Dividend Reinvesting (DRIP). Wenn Sie diese Stichwörter googeln, finden Sie eine Menge Literatur dazu.